Potsdam. Mit der Außenkante der Farbrolle zieht Jasmin Siddiqui lässig hellgraue Linien im großen Bogen auf die leere Wand. In der rechten Hand, zwischen Farbrolle und Daumen geklemmt, hält sie das Foto eines blonden Mädchens. Sie und Falk Lehmann sind als „Herakut“ eines der erfolgreichsten Street-Art-Duos weltweit. Seit 14 Jahren gestalten die beiden Künstler schon zusammen Wände im öffentlichen Raum. Letzte Woche waren sie noch in Kalifornien, nächste Woche touren sie nach Oslo – jetzt haben sie Halt am Schlaatz in Potsdam gemacht. Drei Tage haben die beiden Künstler dort gemeinsam mit den Bewohnern des Stadtteils in dem Graffiti-Workshop „Heimathafen“ zusammengearbeitet. Zum Stadtteilfest war das Wandbild fertig Pünktlich zum Stadtteilfest „Sommer 78“ ist nun das 30 Meter große Gemälde an der Außenwand des Tausch- und Spendenladens „Awo Schatztruhe“ entstanden. „Die Wand wurde immer illegal genutzt“, sagt Raico Rummel, Teilbetriebsleiter bei der Awo. Er hat den Workshop auf die Beine gestellt. „Es geht auch darum, dass die Menschen ihren Stadtteil selbst kreativ gestalten“, so Rummel. Das entstandene Bild zeigt die siebenjährige Marla, die ein Buch aufschlägt. Daraus entspringen allerlei Märchen-, Comic- und Fabelwesen. Es sind die Helden der Kinder und Jugendlichen, die sie selbst an die Wand sprühen durften. Darüber steht der Schriftzug: „Der größte Schatz ist der in deinem Kopf“. Marla – das ist Falk Lehmanns Stieftochter. Die Arbeiten der beiden Künstler seien immer auch nah an ihrem Leben dran, erklärt der 40-Jährige. So diente eine Variante des Porträts bereits im vergangenen Jahr als Vorlage für ein Gemälde im schottischen Aberdeen. Später sagt sie, wie die Kinder beim Zeichnen fast mit der Wand tanzen und fasziniert von den Sprühdosen sind – das würde auch sie inspirieren und wachrufen. Street-Art ist in den letzten Jahren vom Nischen- zum Luxusprodukt avanciert. 1991 fing Falk Lehmann in einer Kleinstadt in Thüringen mit dem Sprühen an. Ablehnung, das sei damals die erste Reaktion gewesen. Heute verkauft das Duo auf der ganzen Welt Leinwände und arbeitet mit renommierten Galerien zusammen. „Irgendwann, wenn du so viel erreicht hast, kommt ein Punkt, da verlierst du die Motivation“, sagt Jasmin Siddiqui. Solche Projekte machen sie gerne ehrenamtlich – das würde ihnen viel zurückgeben. „Das Schöne an dem Job ist, dass wir den öffentlichen Raum verschönern“, sagt Falk Lehmann. In den letzten Jahren seien sie viel in sozialen Brennpunkten unterwegs gewesen. „Mit den bunten Farbklecksen wertet man eine Umgebung auf, die das auch durchaus wertschätzt“, sagt er. Zukunft der „Schatztruhe“ bleibt offen Wie es mit der Schatztruhe weitergeht, sei bisher unklar. Derzeit wird das Projekt durch die Awo und die Aktion Mensch finanziert. Bis Ende 2019 würde das Projekt noch so laufen, danach müsse die Stadt ran, fordert Rummel. Der Stadtverwaltung liege dazu bisher aber kein Förderantrag vor, sagte Stadtsprecher Jan Brunzlow auf MAZ-Nachfrage. Die eigene Spendenstelle der Stadt in Drewitz würde vorerst bis zum Ende des Jahres laufen. Danach sei man auch offen für andere Projektpartner. „Das kann die Schatztruhe sein – muss aber nicht“, so Brunzlow. Arbeit und Leben von „Herakut“ Jasmin Siddiqui wurde als Tochter eines Pakistaners und einer Deutschen 1981 in Frankfurt am Main geboren. Falk Lehmann wurde 1977 in Thüringen geboren. Beide Künstler leben zurzeit in Berlin. 2004 begegneten sie sich auf einem Urban-Art-Festival in Spanien und gründeten daraufhin „Herakut“. Bereits 2014 wurden sie von der Organisation „AptART“ eingeladen für drei Wochen in das Flüchtlingslager in Jordanien zu reisen, um mit syrischen Kindern die weißen Container in farbenfrohe Gemälde zu verwandeln. Meist Fabelwesen aus Mensch und Tier prangen auf Gebäuden auf der ganzen Welt. Die großen Augen mit dem melancholischem Blick sind besonderes Merkmal ihrer Arbeit.