Aber: Die Verantwortung darf nicht länger auf Einzelne abgewälzt werden. Die Politik muss sich fragen lassen, warum sie trotz jahrelanger Warnungen nicht gehandelt hat. Und stattdessen zivilgesellschaftlichen Organisationen, die zentrale Unterstützungsarbeit leisten, finanziell geschwächt hat– während staatliche Strukturen die entstandenen Lücken nicht schließen.
In Brandenburg zeigt sich, dass erste Schritte getan werden: Seit dem 1. November 2025 wird eine neue Beratungs-, Interventions- und Koordinierungsstelle für häusliche Gewalt und Stalking mit dem Schwerpunkt digitalisierte Gewalt gegen Frauen* aufgebaut. AWO BIK WEST angesiedelt beim AWO Bezirksverband Potsdam befindet sich derzeit noch im Aufbau. Allerdings wird bereits jetzt deutlich: Digitale Gewalt ist oft Teil von (Ex-)Partnerschaftsgewalt und Stalking.
Ein wirksamer Umgang mit digitaler Gewalt erfordert nicht nur Reaktion, sondern auch Prävention. Gewalt entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie ist eingebettet in gesellschaftliche Strukturen – und damit auch veränderbar. Präventionsarbeit muss daher dringend ausgebaut werden: in Schulen, in Kitas, in der Jugend- und Bildungsarbeit. Es braucht frühzeitige Aufklärung über Grenzen, digitale Selbstbestimmung und respektvolle Beziehungen.
Es ist höchste Zeit, dass die Scham die Seite wechselt – weg von den Betroffenen, hin zu den Tätern und zu den strukturellen Versäumnissen. Digitale Gewalt muss konsequent anerkannt, rechtlich wirksam adressiert und durch ausreichend finanzierte Hilfesysteme bekämpft werden.
Die Forderungen sind klar:
- Massiver Ausbau von Präventionsarbeit, insbesondere in Schulen, Kitas und Jugendeinrichtungen
- Ein eigenständiges Gesetz zum Schutz vor digitaler Gewalt
- Schließung bestehender rechtlicher Schutzlücken
- Ausbau und langfristige Finanzierung spezialisierter Beratungsangebote
- Klare gesellschaftliche und rechtliche Anerkennung digitaler Gewalt als Gewaltform
- Entwicklung passgenauer Unterstützungsangebote für betroffene Kinder und Jugendliche – nicht nur als Mitbetroffene von Partnerschaftsgewalt, sondern als eigenständig Betroffene
- Sensibilisierung und Qualifizierung von Polizei und Justiz
- Konsequente Verfolgung digitaler Gewalt
- sowie der Ausbau qualifizierter Täterarbeit und verpflichtender Interventionsprogramme für gewaltausübende Personen.
Digitale Gewalt ist reale Gewalt. Wer sie ignoriert, lässt Betroffene im Stich.
Vorstand AWO Bezirksverband Potsdam e.V. & Vicky Kindl – Projektleitung AWO BIK West – Beratung, Intervention, Koordinierung Fachstelle digitalisierte Gewalt an Frauen* und häusliche Gewalt